Dr. Albrecht im Interview: Über Schmerz, Sinn und den aufrechten Gang


In diesem Interview gewährt Dr. Helmut Albrecht einen Einblick in seine persönlichen Beweggründe, die ihn zur Psychosomatik geführt haben, und spricht über zentrale Herausforderungen moderner Medizin. Er erklärt, weshalb der Begriff „Psychosomatik“ häufig missverstanden wird, warum der aufrechte Gang eine Schlüsselrolle für unser Verständnis von Schmerz spielt und welche Entwicklungen er in der psychosomatischen Medizin heute besonders aufmerksam verfolgt.


Wie würden Sie Ihren Weg in die Psychosomatik beschreiben – was hat Sie ursprünglich dorthin geführt?

Zum Einen führten mich Fragen mit mir selbst wegen rätselhafter körperlicher Symptome ohne medizinische Erklärung bei mir selbst bereits in jungen Jahren, sowie in meiner Herkunftsfamilie dorthin, zum Anderen faszinierten mich schon früh die Rätsel des Zusammenspiels von emotionalen, geistigen und körperlichen Phänomenen, die dich bis heute jeglicher naturwissenschaftlichen Erklärung entziehen. Ich fand dafür interessante Ansätze des Verstehens in der Kunst, der Literatur und der Philosophie.

Wie definieren Sie heute „Psychosomatik“, welche Missverständnisse begegnen Ihnen in der klinischen Praxis besonders häufig?

Im Grunde ist der Begriff paradox, wenn man von der Einheit des Geistigen, Psychischen und Körperlichen ausgeht, weil damit ein „Zusammenspiel“ eigenständiger Entitäten suggeriert wird. Die größten Missverständnisse rühren daher, dass mit der Berücksichtigung des Geistigen und Psychischen bei Krankheit und Gesundheit eine Negierung des Körperlichen des Organismus unterstellt wurde. Patienten befürchteten, dabei „nicht ernst genommen“ zu werden oder dachten, man wolle ihnen einreden, sich Schmerzen oder andere Symptome „einzubilden“, oder gar, zu „simulieren“. Dabei bedeutet die „psychosomatische“ Perspektive kein „Weniger“ an somatischem Verständnis, sondern vielmehr eine wesentliche Erweiterung der Möglichkeiten für Diagnostik und Behandlung, unter Einbeziehung von emotionalen und existenziellen Ressourcen.

In Ihrem Buch „Erectus. Leben ist mehr als Überleben: Schmerz und Psychosomatik im aufrechten Gang.“ sprechen Sie davon, dass der aufrechte Gang den Menschen vor besondere Herausforderungen stellt. Was bedeutet diese Perspektive für unser heutiges Verständnis von Schmerz und wie sind Sie darauf gekommen, den aufrechten Gang als zentrales Modell zu wählen, um Körper, Psyche und Lebensgeschichte zusammenzuführen?

Besonders der chronische Rückenschmerz erklärt sich nicht nur aus somatischen Befunden und stößt bei ausschließlich medizinischer Behandlung (Operation, Medikamente) auf deutliche Grenzen. Der chronische Schmerz hat seine ursprüngliche biologische Warnfunktion verloren und mutiert zu einer amorphen emotionalen und existenziellen Metapher, die erst psychotherapeutisch erschlossen werden muss.

Der Organismus des Menschen ist leibliches und geschlechtliches In-der-Welt-Sein, eine Einheit von körperlichem Geschehen, existenziellen Bezügen, Denken, Handeln und Sprechen und „Beziehungsschicksalen“, durchdrungen von einem Kontext von Sinn und Bedeutung. Und der aufrechte Gang ist Auszeichnung und Bürde zugleich für den Menschen als Gattungsexemplar im Vergleich zu allen anderen Lebewesen. Der aufrechte Gang ist kein alleiniges biologisches, sondern auch geistiges, soziales und moralisches Phänomen. Die therapeutische Bewältigung des chronischen Rückenschmerzes sollte alle genannten Dimensionen umfassen.

Welche Entwicklungen in der psychosomatischen Medizin verfolgen Sie aktuell mit besonderem Interesse?

Alle, die die genannten Fragen erfassen in ihrer Gesamtheit. Viele psychotherapeutischen Ansätze verabsolutieren Einzelaspekte. Doch die therapeutischen Ziele sind explizit oder implizit immer mit der Frage verbunden: „Was ist der Mensch?“ Kleiner geht’s nicht.


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